Dienstag, 25. Oktober 2011

Die jüdisch-christliche Kultur: Ein Verklärungsversuch

Veröffentlichung in...
Print: "Jüdische Zeitung" (März 2012): http://www.scribd.com/doc/83204147/Die-judisch-christliche-Kultur-Ein-Verklarungsversuch-Judische-Zeitung
Online: http://j-zeit.de/archiv/artikel.2617.html


In der Islam-Debatte wird häufig genau dieser Bindestrich durch sogenannte Experten als Abgrenzungsmittel zum ganz und gar Bindestrich untauglichen Islam eingesetzt. Dem vermeintlichen Angriff auf den Rechtsstaat und auf das Grundgesetz, der freiheitlichen Werte der Gesellschaftsordnung wird versucht panisch Einhalt zu gebieten, indem man belehrend und mit einer absoluten Eindeutigkeit sagt: „Der Islam passt einfach mit seinen Werten nicht zu unserer Kultur!“ Hierbei wird vergessen, wie komplex islamische Traditionen sind und wie verschieden sie gelebt werden. So landet man bei der aufgeheizten Islam-Debatte ständig  bei Standpunkten gewisser geistiger Brandstifter, die vor der drohenden Kapitulation „unserer Kultur“ warnen. Wenn man in Islam-Debatten die Frage stellt: „Warum wird denn unsere Tradition als 'jüdisch-christlich' bezeichnet?“ So hört man als nahezu immer als Antwort: „Dieser Begriff verweist auf die jüdischen Wurzeln des Christentums.“ Da lautet immer meine Gegenfrage: „Ist mit der Nennung des Christentums nicht die jüdische Komponente abgedeckt?“ Danach folgen üblicherweise Themenwechsel.

Jesus: "Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz [Das Alte Testament] oder die Propheten [Moses] aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen.“ (Matthäus, 5:17)

Ob der Islam überhaupt zu unserer deutschen Kultur gehört sei mal dahin gestellt, aber gehört das Judentum in irgendeiner Weise zu dieser Kultur, dass eine ausdrückliche Nennung wichtig und sinnvoll wäre, wenn es darum geht diese zu charakterisieren? Wenn an dieser Stelle das Judentum genannt werden müsste, was ist dann mit anderen nicht-religiösen und kulturellen Einflüssen auf unsere Kultur? Die entscheidende Frage, die sich stellt lautet: Was steckt eigentlich hinter dieser jüdisch-christlich-abendländischen Maske?
Die Geschichte zeigt uns: Als Europa noch Abendland hieß, waren die Juden doch alles andere als bindestrichtauglich. Wir finden ein Bild des Zusammenlebens vor, das gezeichnet ist von Krieg, Unterdrückung und Ausgrenzung. Die Konstruktion des jüdisch-christlich-abendländischen ist geprägt von einer Genese des Fortschritts, die in der Reformation und in der Französischen Revolution gipfelt. Erst nach dem Holocaust (Schoah) begann ein christlich-jüdischer Dialog.
Wenn man ins 19. Jahrhundert blickt, sieht man erstaunliche Parallelen zur heutigen Islam-Debatte. Zu der Zeit waren es die Juden, die unter Generalverdacht standen Integrationsunwillig zu sein, deren religiöse Tradition als Hindernis angesehen wurde, deren Loyalität bezweifelt wurde, deren Spiritualität als primitiv angesehen wurde und deren Abgrenzung faktisch besiegelt war.
So greift auch Dr. Almut Shulamit Bruckstein, die Professorin für jüdische Philosophie vom Käte-Hamburger-Kolleg in Bonn die jüdisch-christliche Konstruktion scharf an, indem sie sagt: „Nein es gab keine jüdisch-christliche Tradition, sie ist eine Erfindung der europäischen Moderne und eine Lieblingskind der traumatisierten Deutschen.“ Die Nennung der jüdischen Komponente bei der Charakterisierung unserer Kultur scheint demnach schlichtweg  ein Versuch der Verklärung unserer deutschen Vergangenheit zu sein..

Die verschollene „judeo-arabische“ Kultur – Juden in Spanien

In der Geschichte der Juden in Spanien findet man ein perfektes Beispiel für eine „judeo-arabische“ Kultur. Es ist in der Tat wenig bekannt, dass Juden in Spanien länger lebten als in jedem anderen Land, einschließlich ihres Heimatlandes Israel. Über 1000 Jahre spielten Juden eine bedeutende Rolle in der kulturellen und sozioökonomischen Entwicklung der iberischen Halbinsel. Es lebten mehr Juden in Spanien als in allen Ländern Mitteleuropas zusammen. Einen Großteil der Zeit auf der iberischen Halbinsel verbrachten diese Juden unter muslimischer Herrschaft, welche auch den längsten Zeitraum einer friedlichen Koexistenz mit anderen Gesellschaften darstellt. Ob Sprachen, Literatur, Poesie, Philosophie oder Wissenschaft, in nahezu allen kulturellen Bereichen erbrachten sie unter der muslimischen Herrschaft Höchstleistungen.
Mit dem Sieg der Muslime bei Jerez de la Frontera begann im Jahre 711 die rasche Eroberung des Westgotenreiches, indem Juden durch zahlreiche Gesetze christlicher Konzile starker Ausgrenzung ausgesetzt waren. Die dort lebenden Juden empfanden die muslimische Eroberung Iberiens als eine Befreiung. Nun bahnte sich unter der Herrschaft der Umayyaden, die aus Bagdad vertrieben wurden waren so etwas wie ein „Goldenes Zeitalter“ an, das ihren Beginn im Jahre 929 in der Gründung des Kalifats von Córdoba unter Abd-al-Rahman III. hatte.
Die muslimischen Eroberungen von Persien, durch Afrika bis hin zur iberischen Halbinsel verursachten eine massive kulturelle Vermischung. Und die alten kulturellen Einflüsse des hellenistisch-syrisch-christlichen, des persischen, sowie des jüdischen verschwanden nicht vollkommen, sondern Teile von ihnen vereinigten sich zu einer neuen arabisch-islamischen Kultur. Obwohl der Islam nun die dominierende Religion war und die Sprache der Muslime Arabisch war, war die Gesellschaft von säkularer und volksunabhängiger Natur - hervorgegangen aus der kulturellen Vielfalt ihrer Herrschaftsgebiete. Die Juden nahmen gerne die arabisch-islamische Kultur auf und ließen sich von ihr inspirieren, da der Islam in seinem Ursprung jüdisch war und demnach viele Gemeinsamkeiten aufwies. Juden hatten auch keine religiösen Bedenken die arabische Sprache, die mit dem Hebräischen verwandt war als ihre eigene zu nutzen, obwohl für Muslime Arabisch die Religionssprache war, ähnlich wie Latein für die Christen. Damit kam es auch zu einer Erneuerung und Erweiterung des hebräischen Vokabulars im Einfluss von arabischen Wortschöpfungen, die ihre Anwendung in der Philosophie, den Naturwissenschaften und der Literatur fanden. Die toleranten Herrscher von Al-Andalus erlaubten den Juden die Wahrnehmung von nahezu allen gesellschaftlichen Aufgaben. Die zuvor unterdrückten und verfolgten Juden, die fast ausschließlich als Bauern, Handwerker oder Kleinhändler tätig waren, waren nun wohlhabende Bürger geworden, die in Industrie, im Handel, im Bankwesen oder als Freiberufler arbeiteten. Die verbesserten sozialen Umstände erzeugten die Fähigkeiten und den Bedarf nach kulturellen Tätigkeiten. So war es ab Mitte des 10. Jahrhunderts für gut gebildete Juden möglich administrative Aufgaben an Gerichten zu übernehmen. Neben der Wahrnehmung von Berufen wie Zollbeamte oder Steuereintreiber, durften Juden als Außenminister, Botschafter, Generäle und Berater für den Herrscher oder dem Wesir arbeiten. 
Viele der Juden förderten auch Kultur und die Künste. Sie waren auch versiert in jüdischer, sowie säkularer Gelehrsamkeit und schrieben wissenschaftliche Abhandlungen oder literarische Werke. Autoren und Poeten unterhielten ihr kulturelles Engagement in ihrer Freizeit, indem sie hauptberuflich als Ärzte oder Händler tätig waren. 
Obwohl Juden unter muslimischer Herrschaft einen Status nichtmuslimischer „Schutzbefohlener“ besaßen, der ein eingeschränkter Rechtsstatus bedeutete, konnten sie all diese Berufe ausüben. In diesen Berufen taten sie sich stets besonders hervor, da sie schon in vielen Exilen gelebt hatten und immer von der Ausübung physischer Macht ausgeschlossen, notgedrungen eine enorme Erfahrung in Menschenbeobachtung und psychologischer Einfühlung erwarben, die ihnen in jedem Bereich des gesellschaftlichen Lebens zu Gute kam.

Das Prunkstück von Córdoba ist bis heute die Mezquita, eine ehemalige Moschee und heutige Kathedrale. In der Mezquita beteten damals Christen und Muslime gemeinsam.

In der Folge der christlichen Rückeroberung, der sogenannten „Reconquista“ lebten Juden als Flüchtlinge im christlichen Exil. Obwohl diese Rückeroberung vordergründig eine Befreiung von der Herrschaft fanatischer Almohaden bedeutete, ging die Freude nach kurzer Zeit in Furcht und Schrecken über.  Denn seit dem 6. Jahrhundert galt dort, das kirchliche Judenrecht, das den Juden wesentlich schlechtere Chancen gab als das muslimische Recht. Denn die Juden galten als Mörder Christi und mit der Verweigerung der Annahme des christlichen Glaubens, bekannten sie sich, gemäß der christlichen Theologie, immer neu zu dieser Sünde. Die Christen waren nach kirchlicher Lehre jetzt die wahren Juden und die Erben Israels. So hatten sie in der christlichen Gesellschaft prinzipiell kein Existenzrecht. Es war jedoch verboten Juden zu töten oder mit Zwang zum christlichen Glauben zu bekehren. Sie wurden demnach geduldet, wenn auch auf einer möglichst tiefen Stufe der menschlichen Rangstufe.
Dieses Prinzip stieß oft mit den Interessen der christlichen Herrscher zusammen, die die Juden für ihre poltischen Zwecke benötigten. Denn sie waren die einzig fähigen Vermittler zwischen abgelegenen Reichen und der mittelmeerischen Welt in den Bereichen Handel und Kultur. Niemand sonst war sprachlich gebildeter, politisch und ökonomisch versierter als die Juden.
Die neue jüdische Gesellschaftsgruppe im christlichen Herrschaftsgebiet wurde von den Einheimischen bald als überlegene Konkurrenz empfunden. Der aufsteigende Hass und Neid breitete sich rasch in der Gesellschaft aus und der Druck auf den König seitens der Bevölkerung stieg, die nun forderte alle Juden schnellstmöglich zu beseitigen. Von nun an galten Juden faktisch als Besitztum der Krone und nur der König besaß die Macht, diesen schutz- und rechtlosen Juden als seine Instrumente erhebliche Privilegien zu gewähren. Für Juden brach jetzt eine Zeit der Verfolgung und Zwangsbekehrung an, die in der Vertreibung der Juden aus Spanien im 15. Jahrhundert gipfelte.

Literaturempfehlung: Norbert Rehrmann u.a. (Hrsg.): Spanien und die Sepharden. Geschichte, Kultur, Literatur., Tübingen 1999.

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