Dienstag, 19. Juli 2011

Die Wahrnehmung des Islams

Eine wesentliche Hürde bei der Anerkennung der Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland ist die gesellschaftliche Wahrnehmung. Laut einer aktuellen Studie empfindet etwa die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland den Islam als intolerante Religion. Wer ist bloß für diese Wahrnehmung verantwortlich?
Constantin Wagner (Institut für Medienverantwortung, Erlangen) hat anhand von Beispielen belegt, wie die menschliche Wahrnehmung durch die Medien beeinflusst wird. Sie lässt den Menschen Dinge zuerst und verstärkt wahrnehmen, die sie schon kennen und die ihnen schon häufig gezeigt wurden.
Auch der Journalist, der einen Ort bereise, um sich ein Bild von der Lage zu machen unterliege diesem Effekt. Damit er auch in der Lage sei die vielen Gegenbeispiele in gleicher Weise wahrzunehmen, müsse er sich diesen Mechanismus immer wieder vergegenwärtigen und aktiv die Überwindung dieser eingeschränkten Sicht anstreben. 
Auch nur ein kleiner Stereotypentransport durch die absatzstarken, meinungsbildenden Medienmacher (z.B. Der Spiegel, Stern, Focus...) genüge, um vielfach vorhandene ablehnende Einstellungen gegenüber Islam und Muslimen zu bedienen und zu bestätigen. Das Resultat sei ein gefestigtes Feindbild mittels entsprechender Konstruktionsmechanismen in den Köpfen der Leser. Der Leser werde nun auf die Gesellschaft losgelassen und so bestünde eine große Wahrscheinlichkeit, dass er für alles, das er schon „wisse“ auch einen Beleg finde.

Nutzung von Klischeebildern
Symbole & die Farbe Schwarz
aussdrucksstarke Wortwahl & Pauschalisierung
Allah, Islam und blutige Menschen
Atompilz, Ahmedinejad und die Moschee















Geblendet von dieser Wahrnehmung entgeht großen Teilen der Gesellschaft die historische Nähe der islamischen Welt zum heutigen Europa. Ahnungslos nutzen sogenannte Arabismen, Begriffe arabischen Ursprungs wie: Algebra, Elixir, Giraffe, Magazin, Safari, Tarif oder Ziffer. Auch einige der von uns genutzten wirtschaftlichen Begriffe sind islamischer Herkunft. Gesellschaftliche Kooperationen wie Kommanditgesellschaft, stille Gesellschaft (mudaraba), offene Handelsgesellschaft (mufawada); landwirtschaftliche Gesellschaft (muzara’a) sind islamischen Ursprungs. Auch unsere Literatur zeigt, wie deutsche Schriftsteller sich für den Islam und den Orient begeistern und von ihm inspirieren ließen. So etwa Goethe in „West-östlicher Divan“, Heine in „Almansor“, Lessing in „Nathan der Weise“ oder Rilke in „Mohammeds Berufung“. Ebenso blenden wir einen nicht zu unterschätzenden Anteil des Fortschritts in den Wissenschaften aus, wenn wir nicht an muslimische Universalgelehrte aus den islamischen Hochkulturen denken. Es war Ibn Rushd auch bekannt als „Averroes“ (1126-1198), der durch seine Kommentare die Werke von Aristoteles dem Westen zugänglich machte und nachhaltig auf die christlich-abendländische Theologie und Philosophie einwirkte. Außerdem verfasste er die Enzyklopädie der Medizin, die im Westen über 600 Jahre als Standartwerk der Medizin galt. Al-Khwarizmi (780-835/850), der die Algorithmen-Lehre entwickelte und die moderne Mathematik weiterentwickelte. Al-Zahrawi (936-1013), der über 200 chirurgische Instrumente entwickelte, die auf lange Zeit die medizinische Wissenschaft revolutionierten. Ibn Firnas (810-888), der erste Mensch in der Geschichte, der einen wissenschaftlichen Flugversuch unternahm und dies über tausend Jahre vor den Gebrüdern Wright. Ibn al-Haitham auch bekannt als „Alhazen“ (965–1039), der Begründer der Optik, der meist zitierte Physiker des Mittelalters, der bahnbrechendes auf den Gebieten der Mathematik, Astronomie und Physik leistete.
Dieses Erkenntnisreichtum der islamischen Welt konnte nicht gegensätzlich zur Religionslehre bestehen, sondern gerade weil die Gläubigen der Aufforderung des Korans folgten, die Natur zu studieren, über sie nachzudenken, den besten Gebrauch des Verstandes in der Suche nach dem Letztendlichen zu machen und nach dem Erwerb von Wissen und wissenschaftlicher Wahrnehmung zu streben. So lautet auch ein Spruch des Propheten Muhammad: „Es ist die Pflicht jedes muslimischen Mannes und jeder muslimischen Frau, nach Wissen zu streben.“
Ihren Einfluss auf die wissenschaftliche Entwicklung machten die Muslime durch Fort- und Neuentwicklungen in Physik, Astronomie, Medizin, Chemie, Literatur, Architektur, Philosophie, Musik und Kunst geltend. So mussten damals Menschen aus dem Abendland, verborgen vor ihrer eigenen Gemeinschaft, an die islamischen Universitäten schleichen, wenn sie die Botanik, Medizin, Astronomie oder Mathematik studieren wollten.
Heute ist wohl bekannt, dass Muslime keineswegs Gäste in diesem Land sind. Die damaligen muslimischen Gastarbeiter sind hier sesshaft geworden und haben Familien gegründet. „Man hat Arbeitskräfte gerufen,
und es kamen Menschen“ schrieb einmal Max Frisch. Es waren Menschen, die zum großen Teil ihr Glück in Deutschland fanden. Auch andere Migranten-Gruppen, darunter Flüchtlinge aus Krisengebieten der arabischen Welt machten erst den Islam in Deutschland vielfältiger. Am Ende der geschichtlichen Entwicklung steht die Tatsache, dass in Deutschland etwa 4 Millionen Muslime leben, von denen knapp die Hälfte die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Der Islam steht nun im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Wahrnehmung und daraus erwächst nun die Aufgabe, im gemeinsamen Dialog ein friedliches Zusammenleben mit gegenseitigem Respekt zu organisieren. Es bedarf eines aktiven Einsatzes seitens der Muslime, deren Aufgabe es ist, die Menschen über ihre Lehre aufzuklären, Schnittstellen zu schaffen, um den Islam transparenter zu machen. Sie müssen das Ziel verfolgen, aus einem faktischen Teil der deutschen Gesellschaft zu einem anerkannten Teil Deutschlands zu werden. Dies ist allerdings nur möglich, wenn sich beide Seiten öffnen, aufeinander zugehen und sich gegenseitig tolerieren und respektieren.

Kommentare:

  1. Guter Artikel. Allerdings muss man auch sagen, dass bestimmte Radikale wie Wahabiten von den Medien in den Fokus gerückt werden, um zu zeigen, dass diese "DEN" Islam repräsentieren.
    Und ein anderes Problem liegt daran, dass viele Muslime extrem deutschfeindlich eingestellt sind, und das verstehe ich nicht unter gegenseitigem Respekt...

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  2. Ich finde es schade, das gleich in ihrem Profil schon das erste auftritt, das mich stört. "Deutsch-Inder". Ich habe überhaupt kein Problem mit Deutschen mit Migrationshintergrund oder Ausländern. Aber man sollte sich bitte entscheiden. Wenn sie hier leben und eine deutsche Staatsbürgerschaft haben, dann sind sie ein deutscher Muslim.

    Und was sagen sie denn dazu, dass sämtliche arabische Gelehrte noch vor dem finsteren Mittelalter lebten? Wieso gibt es, wenn der Islam die Quelle dieses Wissens ist, nicht auch heute noch muslimische Erfindungen? Lag es nicht einfach daran, dass es zu der Zeit eine Handvoll muslimischer Erfindungen gab, da die westlichen Gelehrten zu dieser Zeit hauptsächlich unterdrückt wurden? (Man bedenke Hexenverbrennung und das Schicksal des Galilei) Ist denn der Islam wirklich solch eine geistig fortschrittliche Religion? Ich denke nicht, im Gegenteil. In kaum eine andere Sprache werden so wenig Bücher pro Jahr übersetzt, wie ins Arabische.
    Sämtliche großen Erfindungen die unsere Welt dazu gemacht haben, was sie jetzt ist - Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Buchdruck, Dampfmaschine, Elektrizität, Internet - wurde von einem Araber erfunden. Wie erklären sie sich das?

    Liebe Grüße

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