Dienstag, 19. Juli 2011

Kopftuch: Zwischen Symbol und Überzeugung

Thilo Sarrazin graut es vor der „Produktion kleiner Kopftuchmädchen“. Alice Schwarzer bezeichnet das Kopftuch als „Flagge des Islamismus“. Die CSU betont: „In Klassenzimmer gehören Kruzifixe und keine Kopftücher.“ Der laizistische Staat Frankreich führte im Jahre 2004 das Kopftuchverbot in öffentlichen Einrichtungen ein. In der Bundesrepublik Deutschland gelten in einigen Bundesländern Kopftuchverbote im Schuldienst und das Bundesland Schleswig-Holstein hatte im Jahre 2007 die Absicht, ein Kopftuchverbot einzuführen, nahm davon jedoch 2008 wieder Abstand. Jüngst äußerte sich nun unsere Bildungsministerin, Anette Schavan in einem taz-Interview (am 28.03.2011) zum Thema: Kopftuch in Bildungseinrichtungen. Nach Schavan sei die Kippa des Judentums nicht gleichzusetzen mit dem Kopftuch als Bekenntnis zum Islam, denn es sei „nicht nur ein religiöses Symbol“.
Unbeantwortet blieb die Frage: Was es stattdessen sei und warum? Weiter ausführend sagte Schavan: „für viele muslimische Frauen ist es überhaupt kein Ausdruck von Bekenntnis“. Die Aussage scheint klar und deutlich. Eine Erklärung, ein Argument? Fehlanzeige! Ist es denn ein Symbol des poltischen Islams oder etwa ein Symbol für Frauen, die verkauft, geschlagen, gesteinigt, zwangsverheiratet oder missbraucht werden? Sind wir so verblendet in unserem Klischeedenken, dass wir uns keine gebildete und selbstbewusste kopftuchtragende Frau vorstellen können und daher den Schleier aus der Öffentlichkeit verbannen wollen? Stecken wirklich die Männer hinter dem Konzept der Verhüllung, die durch die Instrumentalisierung der muslimischen Frau zur Weltherrschaft gelangen wollen? War es nicht eher das Kreuz, das als politisches Symbol missbraucht wurde, statt eines Kopftuches? Woher stammt nun die Angst vor dem Kopftuch? So unbekannt ist das Kopftuch der deutschen Gesellschaft ja nicht, denn es ist schon seither im Christentum und Judentum ein Zeichen der Frömmigkeit. Zudem waren kopftuchtragende Frauen bis ins 20. Jahrhundert bedenkenlos ein Teil der deutschen Kultur. Erst im 20. Jahrhundert kamen die ersten Erfolge der deutschen Frauenbewegung. Das Recht auf Bildung, das Wahlrecht, die rechtliche Gleichstellung oder das Recht auf finanzielle Selbstverwaltung sind nur einige der zahlreichen Rechte, die sich die Frauen hart erkämpfen mussten. Fakt ist, dass der von Islamkritikern als rückständig bezeichnete Islam diese Rechte der Frau schon seit über 1400 Jahren kennt. Frauenrechtlerinnen aus nahezu allen Teilen der Welt setzen sich bis heute für eine Gleichstellung der Frau ein. Als oberstes Ziel gilt, die gesellschaftliche Wahrnehmung des Geschlechterbegriffs zu verändern. Es soll schlicht und einfach die Persönlichkeit der Frau in den Vordergrund treten und die Wahrnehmung als Objekt trotz der leiblichen Verschiedenheit verdrängt werden. Das die muslimischen Frauen ihre „Reize nicht zur Schau tragen sollen“ und sich verhüllen sollten, bietet der Islam als Weg zu diesem Ziel.
In der Tat gibt es auch Frauen, die ihre Verhüllung als selbstverständliche islamische Tradition auffassen und nicht hinterfragen, da es zum Leben als Muslima einfach „dazu gehört“. Es ist daher auch ein Ausdruck und Symbol der Zugehörigkeit zu einer religiös-kulturellen Tradition ihres Herkunftslandes. Es ist auch nicht zu bezweifeln, dass es in einigen „sogenannten“ islamischen Ländern, wie im Iran Frauen zum Tragen des Kopftuches gezwungen werden. Doch die islamische Lehre wendet sich ganz und gar gegen jede Art von Zwang, indem der Koran betont: "Es soll kein Zwang sein im Glauben" (Sure 2, Vers 257). Außerdem darf bei dem Urteil über das Kopftuch nicht außer Acht gelassen werden, dass es auch Frauen gibt, die sich bewusst für das Tragen eines Kopftuches entscheiden und sich vom traditionellen und imitierten Kopftuchtragen abwenden. Eine Muslima, die dies aus religiöser Überzeugung tut, möchte verdeutlichen, dass sie für den Mann in der Öffentlichkeit kein Objekt der Begierde sein möchte. Sie möchte ihre Gleichberechtigung auf diese Weise erreichen und verschleiert sich, um ihre Weiblichkeit nicht zur Schau stellen, um als Persönlichkeit und nicht als Verkörperung der Weiblichkeit wahrgenommen zu werden. Was unterscheidet denn diejenigen, die Frauen zum Tragen eines Stoffes zwingen von denjenigen, die sie zum Ablegen dieses Stoffes zwingen?
Ich befragte eine Muslima, eine Kopftuchträgerinnen, die BWL an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel studiert. Ihr sei es nicht sonderlich schwer gefallen, sich mit dem Kopftuch in der Gesellschaft zu integrieren, sagt sie und stellt klar: „Meine Freunde und Bekannte tolerieren mich nicht nur, sie akzeptieren und respektieren mich so wie ich bin. Es gibt immer Menschen, denen dieses oder jenes nicht gefällt!“ Es ginge ihr darum „sich mit dem Kopftuch als Muslima“ erkennen zu geben, daher habe das Kopftuch für sie auch eine „Schutzfunktion“, neben eine „Signalfunktion“ an die Männerwelt. Zwang habe sie nicht erlebt und es sei eine „persönliche Entscheidung, die aus Überzeugung getroffen wurde“. Sie sehe das Kopftuch als „ein Kleidungsstück, wie jedes andere“ und könne nicht verstehen, warum es aus der Öffentlichkeit verbannt werden sollte. Zudem verwies sie auf die unentbehrliche Verhüllung bei winterlichen Temperaturen, die vor Kälte schützen soll und machte deutlich, dass es ihr auch um eine Art Schutz ginge. Und da es ein Teil ihrer Überzeugung und Persönlichkeit sei, könne sie nicht verstehen, warum es zu einem politischen Symbol deklariert werde. Abschließend machte sie auf ihre Grundrechte aufmerksam und betonte: „Wir leben in einem demokratischen Land, indem es gewisse Rechte gibt. Unser Grundgesetz gewährt mir Rechte wie: Religionsfreiheit und das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Wo sind bitte schön dann diese Rechte?“

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